Ocean Colour Scene /
A Hyperactive Workout For The Flying Squad
A Hyperactive Workout For The Flying Squad
Es war wohl vor ziemlich genau 10 Jahren, als erstmals nach der sogenannten "British Invasion" in den Swinging Sixties und der Punkbewegung in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mal wieder eine gewaltige musikalische Welle aus dem Mutterland des Fußballs das europäische Festland und letztlich gar das große Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten erreichte und zumindest teilweise sogar überflutete.
Die Journaille hatte fix den Terminus "Brit-Pop" parat und fortan wurde jeder Furz, den eine britische Combo anstimmte, die halbwegs ihre Instrumente halten konnte, in den siebten Musikhimmel geschrieben, in Deutschland allen voran von den vermeintlichen Vorzeigeblättern 'Rolling Stone' und 'Musik Express'.
Es war ja auch die Zeit der Prä-Techno-Hysterie und des Post-Grunge-Trübsals, so dass handgemachte, eher pop- und retroorientierte Musik in eine heißersehnte Lücke stieß und entsprechenden finanziellen Erfolg zeitigte.
Aber wie so häufig bei so gewaltigen Eruptionen entstanden gerade zu Beginn einer Ära auch künstlerisch sehr wertvolle Produktionen, die im Kontext der Musikhistorie mit atemberaubender Sicherheit in der Folge und am Siedepunkt der Bewegung qualitativ stark nachließen. Und mit der gleichen Sicherheit hatte diese Bewegung natürlich auch einen zeitlichen Vorlauf, in diesem Fall ungefähr in den Jahren 1989/1990 zu verorten.
Exakt zu diesem Zeitpunkt gründeten sich auch die Protagonisten des hier zu besprechenden Albums und feiern somit in diesem Jahr ihr 15tes Bandjubiläum! Das wiederum ist durchaus bemerkenswert, denn die wenigsten ihrer ehemaligen Mitstreiter und Konkurrenten haben so lange durchgehalten und sind heute noch richtig aktiv.
Natürlich sind als (kommerzielle) Speerspitze dieser Bewegung Bands wie Oasis (gibt's noch und bringen in Kürze ebenfalls ein neues Album heraus) und Blur (wo sind die eigentlich abgeblieben?) zu nennen, die sich speziell 1995 eine erbitterte Medienschlacht lieferten und traurigerweise beide kommerziell in hohem Maße davon profitierten.
Zusätzlich schob diese ganze Bewegung auch noch ein "Veteran" der britischen Popkultur an, Ex-Style Council und Ex-Jam Leader Paul Weller, der ab 1992 den Postmod auspackte, damit genau den Zeitgeist traf und ganz nebenbei auch die Karriere von Ocean Colour Scene (im folgenden OCS) rettete!
Diese brachten nämlich ihr Debütalbum Anfang 1992 heraus, welches aber u.a. wegen finanzieller Schwierigkeiten des Plattenlabels komplett floppte, aber immerhin die Aufmerksamkeit von Paul Weller wecken konnte, der wiederum diverse Mitglieder von OCS zu seinen folgenden (sehr erfolgreichen) Plattenproduktionen heranzog und Gitarrist Steve Cradock für seine Tourband engagierte.
Nach diesen künstlerischen Turboinfusionen erfanden sich OCS schließlich neu und brachten 1996 das fantastische "Moseley Shoals" heraus, welches ihnen auch den (verdienten) kommerziellen Durchbruch bescherte. Allerdings nur im UK, old Germany und die USA taumelten unisono im Oasisnebel und hatten daher absolut keinen Durchblick!
Nebel ist das Stichwort, denn das beschreibt meines Erachtens die Musik von Oasis (von einigen Ausnahmen abgesehen) sehr gut, einschließlich der Soundqualität ihrer Platten.
OCS dagegen waren und sind luftiger, leichter, entspannter, unprätentiöser, grooviger, bodenständiger, solider, kompakter, akzentuierter, variabler, unspektakulärer und somit vom Image her womöglich langweiliger, aber musikalisch gesehen deutlich spannender und zeitloser, obwohl oder vielleicht gerade weil ihre Vorbilder und Einflüsse deutlich bei den Small Faces, The Who, den Kinks, den (späten!) Beatles etc. zu finden sind.
Somit macht es auch Sinn, wenn sie auf ihrem neuesten Werk "Wah Wah" von George Harrisons Meisterwerk "All Things Must Pass" covern, und dies in einer Manier, dass ich den guten George vor meinem geistigen Auge im Musikerhimmel breit grinsen sehe!
Dieses kraftvolle Stück ist aber eher die Ausnahme, denn bis auf den Opener "Everything Comes At The Right Time", der Spätsixties-angehaucht, mit fliehendem Bass, donnernden Drums, kraftvoller Rhythmusgitarre und herzhaften Riffing aufs Angenehmste an "Moseley Shoals" erinnert, ist das ganze Album eher dunkel, melancholisch angehaucht, mit vielen (leisen) Zwischentönen, die allerdings teilweise durch einen 'Wall Of Sound' zugekleistert werden, der ebenfalls an die Spätsixties gemahnt, hier aber wohl in Richtung einer Phil Spector-Verneigung gehen soll und selbstredend Geschmackssache bleibt.
Ich persönlich finde das Album insgesamt gesehen eher herbstlich angehaucht, so dass mir der Veröffentlichungstermin im Frühjahr relativ ungeschickt ausgewählt erscheint.
Sei's drum, es gibt wunderschöne kleine Einode zu entdecken, ganz in der Tradition der Band eher unspektakulär, wenn man mal von den 'Wall Of Sound'-Türmen absieht, aber äußerst gefühlvoll mit viel Seele in Szene gesetzt.
Aufgenommen wurde das Ganze in der 'Piersie Lodge', Kirriemuir, Schottland, ein im Booklet abgebildetes altes und absolut einsam gelegenes Landhaus, was sich insbesondere im Song "This Day Should Last Forever" mit seiner keltischen Klangfärbung und in der von mir beschriebenen Grundstimmung des Albums niederzuschlagen scheint.
Die Band ist eng zusammengerückt, nach angeblich bis heute nicht geklärten Querelen mit Gründungsmitglied und Bassist Damon Minchella agieren sie laut Booklet, und damit im Gegensatz zu Aussagen in Postillen wie der 'Good Times', zumindest im Studio als Trio, was sich auch darin manifestiert, dass bei den 10 Eigenkomposition des Albums alle drei Bandmitglieder namentlich im Credit stehen! Steve Cradock und Oscar Harrison (Drummer) haben sich den Bassistenjob geteilt, zusätzlich setzt vor allem Produzent Dave Eringa mit Keyboards und Streicherarrangements die bereits angesprochenen "Wall Of Sound"- Akzente.
Beim lässigen "Waving Not Drowning" wirken Band-Buddie Paul Weller und "Bruder im Geiste" Jools Holland als Salz in der Suppe mit, wobei die eher jazzigen Wurzeln des letzteren sich in Tracks wie dem unwiderstehlich melodisch dahinschleichenden "Move Things Over" oder dem für die Band völlig ungewöhnlichen Late-Night-Groove im Barjazzstil, "My Time", fast vollständig von Oscar Harrison allein eingespielt(!), wiederfinden.
Darüber hinaus finden wir eine wahrlich melancholische Abschiedsballade ("Drive Away"), einen percussiven und vergleichsweise modern produzierten Groover ("God's World", mit Wellers Ehefrau Carleen Anderson als Backgroundsängerin) und eine sehr kurze, aber wundervoll gefühlige Akustikballade ("Have You Got The Right"), um jetzt mal nur die Highlights zu berücksichtigen.
Nun ja, vor nicht allzu langer Zeit haben Ocean Colour Scene bei der Plattenfirma 'Sanctuary' nach einigen etwas schwächeren Alben einen zumindest künstlerisch erfolgreichen Neustart gewagt, Sänger Simon Fowler, übrigens mit keiner großen, dafür aber äußerst charismatischen und charakteristischen Stimme ausgestattet, outete sich überraschend als schwul und letztes Jahr legte die Band sogar ihr erstes Livealbum überhaupt vor ("Live - One For The Road"), aber die großen Zeiten des "Brit-Pop" scheinen vorbei zu sein, bzw. andere und jüngere Bands haben sich in diesem Segment in den Vordergrund geschoben. Das alte und damals sehr jugendliche Publikum von OCS ist inzwischen woanders gelandet oder gar nicht mehr an Musik interessiert, neue HörerInnen sind mit eher klassischem, Sixties-orientierten Poprock/Rockpop schwer zu erreichen, da ein eventuell älteres Zielpublikum lieber die alten und allseits bekannten Originale goutiert, so dass es nicht wirklich verwundern kann, dass dieses Album beim hiesigen Kultmoderator von 'Radio Bremen Vier' (Zielgruppe 10 - 29 Jahre!), seines Zeichens auch Stadionsprecher von 'Werder Bremen', zwar als Album der Woche präsentiert wurde, aber anschließend beim Sender nichts mehr davon zu hören war. Und selbst im UK kam die Platte nicht über einen enttäuschenden 30igsten Platz hinaus.
Ich persönlich wünsche der Scheibe, dass ihr im Laufe der Zeit ruhig mal ein Ohr, nein, besser zwei Ohren geschenkt werden, denn sie hat es wirklich verdient, und die Ohren werden sich beim Hörer bedanken, versprochen!


Spielzeit: 47:20, Medium: CD, Sanctuary Records, 2005
1:Everything Comes At The Right Time 2:Free My Name 3:Wah Wah 4:Drive Away 5:I Love You 6:This Day Should Last Forever 7:Move Things Over 8:Waving Not Drowning 9:God's World 10:Another Time To Stay 11:Have You Got The Right 12:Start Of The Day 13:My Time
Olaf "Olli" Oetken, 07.05.2005